Historie

von Gerhard Lück

 

Aus der Skilanglaufhochburg Kirchzarten haben die Wetterkapriolen im Lauf der Jahre ein Mountainbike-Mekka gemacht:

1990: 1. Deutsche Mountainbike-Meisterschaft im Crosscountry - 1992: MTB-Weltcup - 1995: MTB-Weltmeisterschaft - 2004: 1. Deutsche Mountainbike-Marathon-Meisterschaft - 2007: 10. Black Forest ULTRA Bike Marathon und 1. Deutsche Feuerwehr-Mountainbike-Meisterschaft

 

„Im vergangenen Winter kämpften alle Freunde des Skilanglaufs mit der Tücke des Wetters.“ (1985) „Es ist nun schon langsam müßig, über die mangelnden Schneeverhältnisse zu berichten.“ (1986) „Der Winter, der seinem Namen alles schuldig blieb! Die aktiven Ski-Langläufer des SV Kirchzarten litten wie alle Skifreunde unter den schlechten Bedingungen des so genannten Jahrhundertwinters.“ (1988) „Der vergangene Winter war, um es gelinde auszudrücken, ein etwas zu kalt geratener Sommer. Jetzt liegen bereits zwei extrem schlechte Winter hinter uns.“ (1989)

 

Diese Zitate sind in den Jahresberichten der Skiabteilung des SV Kirchzarten in den 80er Jahren zu lesen. Und so ging es in den folgenden Jahren weiter. Der Winter wurde im Schwarzwald einfach immer unberechenbarer. Das ist für das Dreisamtal, dessen Bewohner(innen) eigentlich Wintersportler sind, eine traurige Erkenntnis. Die Konsequenz: Immer mehr sportlich aktive Menschen in Kirchzarten und Umgebung stiegen im Sommer und auch in den schneearmen Wintern - wie gerade 2006/2007 wieder erlebt - aufs Rad, besser gesagt: aufs Mountainbike. Mountainbikefahrer, die bis vor wenigen Jahren noch gar nicht wussten wie Mountainbike geschrieben wird, sind jetzt von der herrlichen Sucht nach der sportlichen Betätigung auf dem Bike gepackt. Viele begannen zunächst einfach nur mal so, fuhren ein wenig im Tal herum, wagten sich immer mehr an die Steigungen der umliegenden Bergketten - und sind jetzt nicht mehr vom Rad herunter zu bekommen. Das Schwarzwälder Mountainbikefieber hat sie gepackt. Das ist nicht gefährlich, schon gar nicht gesundheitsschädigend - allerdings enorm ansteckend! Es ist gut, es tut gut - und macht Spaß. Und die großen Mountainbikeveranstaltungen in Kirchzarten unterstreichen seit 1990 diese Mountainbike-Begeisterung.

 

Aus der Skiabteilung wurde eine Ski- und Radabteilung

 

Als die Winter immer schlechter wurden, suchten sich die aktiven Sportler(innen) des SV Kirchzarten neue Aktionsfelder. Das Mountainbike war gerade als neues Sportgerät für Ausdauersportler auf den Markt gekommen. Und Kirchzartener Sportler hatten es gleich entdeckt. So dokumentiert der Jahresbericht des SV Kirchzarten 1989 erstmals neben dem schlechten Winterwetter, dass sich bereits im Frühjahr 1988 eine „MTB-Trainingsgruppe“ gebildet habe. Sieben Herren und eine Dame nahmen gar im Mai 1988 erstmals in Garmisch-Partenkirchen an einem MTB-Weltcup teil. Da mitzumachen war damals noch einfacher als heute. Fünf von den SVKlern kamen gleich unter die ersten Fünfzehn! Und - so steht es in den SVK-Geschichtsbüchern - ab 1989 nahmen über 20 aktive Mountainbiker an zahlreichen Weltcuprennen in ganz Europa teil. Jürgen Sprich wurde 1990 Gesamtvierter im Weltcup, Hannelore Eckmann bei den Damen Gesamtsiebte! Die Saison 1990 in nüchternen Zahlen des Jahresberichts: „Die Gruppe umfasst zwanzig Herren und fünf Damen. Es wurden rund 18.000 Kilometer mit dem Bus zu Rennen gefahren. Dabei benötigten wir 3.000 Mark Startgelder und rund 2.000 Mark Benzingeld. Eine kleine Unterstützung seitens des Vereins würde uns sehr freuen.“

 

Mit der 1. Deutschen MTB-Meisterschaft 1990 begann in Kirchzarten das Mountainbike-Fieber

 

Weil die Skiabteilung des SV Kirchzartens geradezu arbeitslos wurde, kam sie auf die Idee, sich für 1990 um die erste Deutsche Mountainbike-Meisterschaft zu bewerben - und sagte nach der offiziellen Anfrage des Bundes Deutscher Radfahrer zu. Das teilweise noch heute aktive Organisationskomitee, damals mit Erhard Eckmann, Walter Hasper und Hansi Strecker an der Spitze, brachte jede Menge Know-how mit. Fachleute mit allerhöchster Qualifikation kümmern sich um die verschiedenen Kommissionen und haben den gesamten organisatorischen Rahmen im Griff. Die Ausrichtung der 1. Deutschen Mountainbike-Meisterschaft 1990 war für den SV Kirchzarten ein unerwartet großer Erfolg. „Wir waren von der Begeisterung der Zuschauer, von der Atmosphäre an der Strecke und am Ziel so beflügelt“, erinnert sich Erhard Eckmann, „dass wir unbedingt Lust hatten, weiter zu machen.“ Und auch sportlich war der SV Kirchzarten bei den „ersten Deutschen“ toll dabei. Ina Eckert holte eine Silbermedaille bei den Juniorinnen. Hannelore Eckmann kam als Zehnte bei den Damen unter die „Top Ten“. Der Höhepunkt war dann das Rennen der Elite. Jürgen Sprich und Jürgen Eckmann, beide SV Kirchzarten, distanzierten die gesamte deutsche Spitze und belegten die Plätze eins und zwei!

 

Gleich Lust auf Weltcup bekommen

 

Jetzt wollten es die Aktiven rund um Eckmann, Hasper und Co. wissen. Nachdem bis dato alle MTB-Weltcups in den USA, in der Schweiz, in Italien oder Belgien stattgefunden hatten, wollte der SV Kirchzarten 1992 mit der Ausrichtung eines Weltcuprennens im Crosscountry ein neues Fass aufmachen. Die 1990er DM-Strecke wurde nochmals verbessert - und Kirchzarten erlebte sein bis dahin größtes Sportereignis. Einen richtigen Weltcup! Sportler wie Funktionäre waren gleichermaßen zufrieden. Das Dreisamtal war für ein Wochenende der Nabel der Mountainbikewelt. Die internationale Presse lobte den Weltcup in Kirchzarten als den „gelungensten bislang“. 15.000 Zuschauer säumten die Strecke, 380 Teilnehmer(innen) waren am Start und 240 ehrenamtliche Helfer(innen) gaben die Garantie für gutes Gelingen.

 

Jedoch ist dieser Erfolg nicht nur dem Organisationsteam auf der Habenseite anzurechnen. Wie schon bei den DM standen auch diesmal Bürgermeister Georg-Wilhelm von Oppen - selbst begeisterter MTB-Fahrer -, der Gemeinderat, die Gemeindeverwaltung mit ihren Einrichtungen und viele Vereine und Organisationen Kirchzartens hinter dem großen Event. Sportlich ragte für die Mountainbiker des SVK 1992 die Europameisterschaft von Jürgen Sprich im Downhill und sein zweiter Platz im Downhill-Weltcup heraus.

 

Übrigens wollte der Bund Deutscher Radfahrer Kirchzarten 1994 gleich wieder einen Weltcup „aufs Auge drücken“. Da allerdings schon feststand, dass 1995 die Krone aller möglichen MTB-Veranstaltungen - die Durchführung der MTB-Weltmeisterschaft im Downhill und Crosscountry - erreicht werden sollte, verzichteten die SVK-Organisatoren auf einen weiteren Weltcup. Ach ja, Jürgen Sprich, wurde 1993 erster Deutscher Downhill-Meister und verteidigte seinen Europameistertitel! In seine Bikespuren fuhren ein Jahr später junge SVK-Fahrer wie Roman und Achim Schlosser, Björn Rebmann, Jan Berlit, Hans-Jörg Bockstaller, Klaus Schuler und viele andere.

 

Neue Maßstäbe setzte der SV Kirchzarten dann bei der Mountainbike-WM 1995

 

„Die Ski- und Radabteilung hat das arbeitsreichste Geschäftsjahr seit ihrer Gründung hinter sich. Die Mountainbike-Weltmeisterschaft 1995 war eine große Herausforderung, die von der Abteilung mit Hilfe aller Mitglieder des SV Kirchzarten, der Gemeinde, vielen Vereinen und anderen Institutionen bewältigt wurde.“ So brachte Skiabteilungsleiter Hansi Strecker das Jahr 1995 am Ende auf den Punkt. Zweieinhalb Jahre Vorbereitungszeit hatte es gebraucht, bis die Mountainbikewelt die bis dahin beste Weltmeisterschaft erlebte. „Der Zielbereich der Downhillstrecke in Dietenbach hat uns am meisten zu schaffen gemacht“, erinnert sich Erhard Eckmann noch heute mit Schrecken, „es hatte Wochen lang geregnet und die Wiese neben dem Jungbauernhof schien im Morast zu ersaufen.“ Mit LKW-Ladungen voller Sand und Schotter konnte auch dieses Problem gemeistert werden.

 

Fast eine Woche lang stand Kirchzarten im WM-Fieber Kopf. 120.000 Zuschauer säumten an den drei Wettkampftagen die Strecken und spornten die Sportler aus aller Welt zu Höchstleistungen an. „Wir haben für ein paar Tage Kirchzarten auf den Kopf gestellt“; ist Erhard Eckmann noch heute stolz. „Wir sind jetzt gefordert, aus dieser weltweiten Schwarzwald- und Kirchzarten-Euphorie das Beste zu machen.“ Mit Roman Schlosser hatte der SV Kirchzarten einen eigenen Mann am Start. Doch leider musste er nur wenige Meter nach dem Start durch einen Defekt nach einem Massensturz das kaum begonnene Rennen beenden. Ein Hauch von Trauer und Enttäuschung war entlang der Strecke spürbar, warteten doch alle auf „unseren Roman“.

 

Zum 75. Geburtstag des SV Kirchzarten kam der „Black Forest ULTRA Bike Marathon“

 

Als der SV Kirchzarten 1997 genau 75 Jahre alt wurde, hatten die Vereinsverantwortlichen eine gute Idee. Alle Abteilungen des Sportvereins sollten eine besondere Aktion im Jubiläumsjahr anbieten. Und da das mit dem Schnee so eine unsichere Sache geworden war, schenkte die Ski- und Radabteilung des SV Kirchzarten dem Gesamtverein den ersten „Black Forest ULTRA Bike Marathon“.

 

Im „Angebot“ vom ULTRA Bike waren zwei Strecken - der ULTRA über 115 Kilometer und 3350 Höhenmeter sowie der Marathon über 79 Kilometer und 2100 Höhenmeter. Ihre Organisation war nicht einfach. Es galt zunächst, alle dreizehn Gemeinden entlang der Strecke „ins Boot zu holen“. Und da fast der gesamte Südschwarzwald Naturschutzgebiet ist, mussten zahlreiche Auflagen erfüllt werden. Mit Verhandlungsgeschick und Glück schafften es die Organisatoren des SV Kirchzarten, eine von allen Behörden genehmigte Strecke durch den schönsten Teil des Südschwarzwaldes zu finden. Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde und den anderen Vereinen in Kirchzarten, aber auch mit den Gemeinden und Vereinen entlang der Strecke, spielte sich bestens ein. Und da auch nach vielen Verhandlungen alle anderen Genehmigungsbehörden wie Landratsamt und Polizei „Ja“ sagten, konnte 1997 der erste Black Forest ULTRA Bike Marathon mit 1392 Teilnehmern gestartet werden. Der Grundstein für eine erfolgreiche Serie war gelegt.

 

Aus dem „Geburtstagsgeschenk“ wurde ein „Dauerbrenner“

 

Nach dem gelungenen Auftakt hatten es viele erwartet und erhofft: Es blieb nicht bei der einmaligen Jubiläumsveranstaltung. Aus dem Geburtstagsgeschenk wurde ein „Dauerbrenner“. Die Teilnehmerentwicklung des Black Forest Ultra Bike Marathons ging rasant vorwärts. Bereits 1998 fuhren 2074 Teilnehmer auf den zwei angebotenen Strecken. Die Teilnehmerzahlen steigerten sich kontinuierlich - über 2670 im Jahre 1999, 3067 im Jahre 2000 auf 4226 im Jahr 2003, als erstmals ULTRA Light mit Start in Altglashütten angeboten wurde. Mit dieser kurzen ULTRA-Strecke über 79 Kilometer und 2000 Höhenmetern wollte der Veranstalter am ULTRA interessierten Bikern eine „Schnuppermöglichkeit“ bieten. Seit 2001 ermöglicht der Short-Track mit 42 Kilometern und 1.000 Höhenmetern, Start ist in Hinterzarten, allen Einsteigern einen guten „Wettkampftest“. 2005 ging’s ohne ULTRA Light, doch 2006 lebte er als „Power Track“ ab Hinterzarten wieder auf. (Mehr zur Entwicklung der Strecken und Teilnehmerzahlen in einem eigenen Beitrag!)

 

Auch die 1. Deutsche Mountainbike-Marathon-Meisterschaft fand in Kirchzarten statt

 

Im Jahr 2002 fiel der Black Forest ULTRA Bike Marathon der Fußball-Weltmeisterschaft zum Opfer - just zum Bike-Marathontag stand Deutschland im Endspiel (und verlor!). Mit der Teilnahme an der Serie „Euro Bike Extremes“ kam der Kirchzartener Marathon auch zu europäischen Ehren. Er eröffnet jährlich die Serie, zu der auch der Dolomiti-Superbike, das Swiss Bike Masters Festival, der Birkebeinerrittet in Norwegen und der St. Wendeler Mountainbike-Marathon gehören. Im Jahr 2004 richtete der SV Kirchzarten die 1. Deutsche Mountainbike-Marathonmeisterschaft aus - und setzte wie 1990 wieder Maßstäbe! Und in diesem Jahr 2007, dem Jubiläumsjahr, wird die „1. Deutsche Feuerwehr-Mountainbike-Meisterschaft“ in die Veranstaltung integriert.

 

Nicht nur großartiger Veranstalter, sondern auch engagierter Nachwuchsförderer

 

Seit 1990 hat sich der SV Kirchzarten als europaweit anerkannter Veranstalter großer Mountainbikeevents einen Namen gemacht. Doch auch im sportlichen Bereich konnte der Verein im Mountainbikesport immer ein gewichtiges Wort mitreden. Nach den internationalen Erfolgen von Jürgen Sprich und Jürgen Eckmann gab es immer wieder Fahrerinnen und Fahrer, die national und international die Farben des Vereins vertraten. So waren z.B. mit Roman Schlosser im Cross-Country und Mike Feilner bei der Weltmeisterschaft 1998 in Kanada zwei Kirchzartener am Start.

 

Seit 2001 widmet sich die Ski- und Radabteilung des SV Kirchzarten intensiv der Nachwuchsförderung. Was mit 60 Kindern beim wöchentlichen „MTB-Treff“ begann, hat sich zu einem Nachwuchsunternehmen mit über 150 Kids entwickelt. Bei den Treffen vermitteln engagierte und erfolgreiche Mountainbiker Spaß am sportlichen Fahren und lernen mit ihnen die notwendigen Fahrtechniken. Klar, dass sich aus dieser Nachwuchsförderung inzwischen auf Landes- und Bundesebene erfolgreiche Schüler-, Jugend- und U23-Fahrer heraus gebildet haben. In einem eigenen Rennteam trainieren sie zusätzlich und werden für den Wettkampf fit gemacht. Die Bilanz 2006 liest sich so: 42 Siege, 45 Podestplätze und 75 Top-Ten-Plätze. Ehrungen für diese tolle Nachwuchsarbeit blieben nicht aus.